„Ich bin ja so stolz auf mich“ oder Innere Regeln

„Mama, ich bin ja so stolz auf mich.“ klang es vor zwei Tagen glücklich von der Rückbank. Wir fuhren gerade mit dem Auto vom Parkplatz der Rindermarkthalle in Hamburg und kamen vom angrenzenden Sommerdom: Riesenrad fahren, Schmalzkuchen essen, ein paar Runden Autoscooter für den Mäuserich und danach sogar einmal nass werden auf der Wildwasserbahn, anschließend ein paar harmlose Runden im Rennauto auf dem Kinderkarussel, noch mehr harmlose Runden in der Eisenbahn für die Minimaus und dann zum Abschluss noch zwei Runden mit der „Wilden Maus“. Nur der Papa und geradeso (weil erst ab 6 Jahre und einer Körpergröße von 1,10 m) auch der Mäuserich. Aber was ihn so stolz machte, war nicht etwa die „Wilde Maus“-Fahrt (die übrigens nur von außen harmlos aussieht, bei der man aber in jeder Kurve das Gefühl hat, hinaus zu segeln). Er hatte also in meinen Augen allen Grund, das als Abenteuer zu sehen. Aber nein, das war es nicht. Der Mäuserich hatte ganz zum Schluss, als wir nur noch 3 Euro und ein paar Münzen für das Parkticket in der Tasche hatten, 10 viel zu schwere, übergroße Konservendosen mit einem viel zu flauschigen Fußball vom Stapel gekickt. Er hatte dafür eine Goldmedaille gewonnen. Eine ziemlich zerschrammte Goldmedaille, die ihn an diesem Nachmittag trotzdem gut und gerne 10 Zentimeter wachsen ließ.

Ich nickte zustimmend und überlegte, wann ich das letzte Mal dermaßen stolz auf mich gewesen bin. Auf mich selbst stolz sein, das schien schon längere Zeit nicht mehr in mir verankert.


Vereinbarkeit

Dabei darf ich das durchaus sein, finde ich. Und damit bin ich jetzt beim Thema Vereinbarkeit.

Vereinbarkeit?

Ja, Vereinbarkeit!

Womit ich als Mama tagtäglich so jongliere ist doch einfach unglaublich: Beruf, Familie, Freundin sein, Ehefrau sein, Spaß haben, Kindererziehung (weitestgehend ignorierend), den Haushalt zu 50 % führen, Sonderprojekte wie die Neugestaltung der Kinderzimmer oder auch Bloggen und Lesen, ganz zu schweigen von Duschen, Essen und Schlafen.

Das kennst Du, oder? Was da wohl alles auf Deiner Liste steht? Vermutlich genauso viel, wenn nicht sogar noch eine Menge mehr.

Trotzdem hatte ich lange Zeit das Gefühl, ich mache zu wenig. Immer….egal wie viel es tatsächlich war. Ich war nie da, wo ich sein wollte. Ich hatte nie das geschafft, was ich erledigt wissen wollte. Und ich war selten zufrieden mit dem, was ich gerade tat.

Und irgendwie erklärte sich mir auch nie so richtig, warum ich zwar immer gut organisiert war (Nein, das Zeitmanagement war und ist nicht mein Problem. Im Gegenteil, ich bin bestens organisiert. Ich habe sogar ein paar Jahre lang meine Promotionsarbeit neben dem Beruf und dem Familienleben geschafft. Oh ja, ich hatte immer alles im Griff.), mich aber trotzdem nach 8 Jahren Familienleben nur noch leer, ausgelaugt und müde fühlte.

So müde, dass ich nicht einmal mehr wusste, was mir Freude machen würde, wenn ich denn die Zeit wieder dafür hätte. 

So müde, dass mir alles ziemlich sinnlos erschien.

Seelenmüde.

 

Glaubenssätze bewusst wahrnehmen

Das war vor einem halben Jahr. Ich war schwer erschöpft, schlecht gelaunt, zerstreut, immerzu irgendwie zickig und ziemlich ratlos. Und dann las ich eines Tages etwas über Glaubenssätze, wahre Regeln oder auch innere Überzeugungen. Was letztlich alles das selbe meinte: Aussagen, die uns prägen; die in unseren Köpfen herumschwirren und von denen wir annehmen, dass sie wahr sind. Im Laufe des Tages drängeln sich irre viele Gedanken durch unsere Köpfe. Sie haben sich da so festgesetzt und bestimmen unser Handeln, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die meisten von ihnen sind das Ergebnis generalisierter Erfahrungen; der Aussagen von Freunden, Eltern oder Kollegen oder auch zufälliger Ereignisse.

Gretchen Rubin schreibt in ihrem Buch Das Happiness Project ausführlicher darüber. Sie nennt es dort wahre Regeln. Gut nachzulesen ist das Thema aber auch bei Libby Weaver in The Rushing Woman Syndrom, die es innere Überzeugungen nennt. Und Mindfuck von Petra Bock ist genau das richtige Buch, wenn Du Dich noch tiefgreifender mit (hinderlichen) Gedankenmustern beschäftigen willst.

Innere Regeln
Ich habe mir also vor ein paar Monaten ein Notizbuch geschnappt und meine inneren Regeln aufgeschrieben. Ich habe mich über mehrere Wochen selbst beobachtet. Immer, wenn mir etwas auffiel, kam es auf die Liste und so habe ich meine Liste schrittweise vervollständigt. Das hat mich manchmal auch Mut gekostet, denn wer gibt schon gerne zu, dass er oft so dummes Zeug denkt. Nicht einmal vor mir selbst tat ich das gern. Und dummes Zeug war durchaus vieles dabei. Ohne dass ich es ahnte, haben sich in mir Gedanken festgesetzt, mit denen ich meinem Mann gar nicht erst zu kommen bräuchte und die ich meinen Kindern niemals weitergeben möchte. Oder was soll ich von der Regel: Nimm Dich selbst nicht so wichtig halten?

Meine Liste ist zwischenzeitlich verdammt lang geworden. Da steht zB:

  • Meine Kinder haben oberste Priorität.
  • Mein Mann hat oberste Priorität.
  • Mein Beruf hat oberste Priorität.
  • Ich habe nie genug Zeit für mich.
  • Meine Mutter würde jetzt sagen…
  • Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
  • Change is constant.
  • Lach doch mal.
  • Du kannst nur ernsthaft schreiben, wenn Du das auch hauptberuflich machst.
  • Die Zeit im Büro ist Me-Time genug.
  • Etwas ausprobieren ist Zeitverschwendung, mache es gleich richtig.
  • Sei liebevoll zu Dir selbst.
  • Nimm Dich selbst nicht so wichtig.
  • Bleib finanziell unabhängig.
  • Sorge immer für ein aufgeräumtes zu Hause.
  • Nur wenn Du abends todmüde bist, war Dein Tag produktiv.
  • Behandele andere so, wie Du selbst behandelt werden willst.
  • Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein (dieses blödes Poesiealbum aus der siebten Klasse).
  • Für mich gilt immer und ewig: „Spontanität will wohl überlegt sein“ (Sch… Abizeitschrift).
  • Sei zuverlässig und verantwortungsvoll.
  • Beende, was Du angefangen hast.

Ich könnte das noch eine Weile so fortsetzen. Na gut, nicht jeder dieser Glaubenssätze ist vollkommen sinnlos. Einige sind sogar recht hilfreich. Sie erleichtern mir das Leben, weil ich im Alltag nicht mehr viel darüber nachdenken muss sondern einfach danach handeln kann. Die meisten davon sind jedoch eher hinderlich und widersprechen sich sogar. Sie sorgen dafür, dass ich mich ungenügend fühle, denn ich schaffe es natürlich nicht, allem gerecht zu werden. Wie können meine Kinder, mein Mann und mein Beruf gleichzeitig oberste Priorität haben? Wie kann ich den Haushalt ohne Abstriche schaffen, wenn ich auch noch berufstätig bin und drei Kinder habe? Oder wie soll ich mich um mich selbst kümmern, wenn ich mich nicht so ernst nehmen darf? Und bin ich wirklich so wenig spontan oder ist es nicht auch immer eine Frage dessen, was ich in dem Moment gerade tun will?

Innere Regeln zum Muttersein
Und dann gibt es da noch die inneren Überzeugungen,  die ich mit dem Muttersein verbinde. Ich kann mich noch so sehr dagegen wehren oder laut etwas ganz anderes sagen. In meinem Inneren gibt es ein zartes aber nerviges Stimmchen, dass mir erzählt:

  • Eine gute Mutter wäre jetzt bei ihren Kindern zu Hause (Ich denke das oft, egal ob es mittags, nachmittags oder schon abends ist).
  • Eine liebevolle Mutter holt sich ihre Energie aus dem Familienleben.
  • Eine pragmatische Mama kocht. Auch wenn sie es nicht gern tut, aber sie tut es.
  • Eine Mama sollte weniger introvertiert, wesentlich kontaktfreudiger oder zumindest kreativer sein als ich.
  • Du hast zu wenig Zeit für Dich? Da mussten wir alle durch. So ist das eben bis die Kinder aus dem Haus sind.
  • Du musst den Geburtstagskuchen für Deine Kinder selbst backen.
  • Deine Kinder vermissen Dich den ganzen Tag!!!
  • Deine Kinder ertragen es nicht, wenn Du abends auch noch weg bist.
  • Deine Kinder leiden furchtbar, wenn Du sie später als 16.00 Uhr aus der KiTa/Schule abholst.
  • Ich darf meinen Kindern nicht auch noch etwas von der gemeinsamen Zeit nehmen (und zB nebenbei Wäsche legen).


Große bunte Mischung

Wenn ich das lese, muss ich sogar darüber lachen. Das ist eine große bunte Mischung aus den Vorbildern meiner Kindheit, aus den Eigenschaften anderer Mütter (bei denen ich manche Grundsätze sogar richtig gut finde), und aus dem, was ich mir aus Erziehungsratgebern und Zeitungsartikeln angelesen habe. Das bin aber nicht immer ich.

Mir ist ganz klar, dass mich das meiste davon unglücklich macht. Aber sag das mal dem hartnäckigen Stimmchen in mir.


Innere Regeln hinterfragen

Als ich mir meine Liste nach ein paar Wochen genauer ansah, ist mir noch so vieles mehr aufgefallen. Vor allem, dass in meiner Liste sehr wenig mit Spaß, Freude und freier Zeit zu tun hatte. Statt dessen drehte sich alles um Verpflichtungen, Mühe und Leistung. Puh. Das hat mich dann doch überrascht. Vor allem, dass ich so viele Vorlagen von Müttern in meinem Kopf hatte, denen ich gar nicht entsprechen will, die mich trotzdem beeinflussen und mit denen ich mich in einer Ecke meines Kopfes ständig auseinandersetze.

Im Grunde meines Herzens, hätte ich doch viel lieber positive Glaubenssätze in meinem Kopf wie

Du darfst den Alltag um das herumplanen, was Dich wirklich glücklich macht.

oder

Du bist genug so wie Du bist. 

Die waren da nur leider nicht abgelegt.

Warum eigentlich nicht?

Das wollte ich nun doch genauer wissen und habe also damit angefangen, mich mit mir selbst zu befassen. Ich habe viel gelesen, vieles verworfen und manches für mich zum Glück auch als passend empfunden. Letztlich hat mich meine Leseliste zu dem Gedanken geführt, dass diese inneren Regeln meine Balance im Familienleben beeinflussen und dass von Ihnen abhängt, wie ich mich fühle. Wenn ich sie durch neue Regeln ersetzen könnte, dann müsste am Ende mein Wunschgefühl dabei herauskommen. Oder?


Du darfst 

Ich führe nach der ersten Liste nun also eine zweite Liste und habe damit begonnen, mir die Erlaubnis für Dinge zu geben, die mir wichtig sind und die mir gut tun. Das heißt, ich habe meine eigenen Du darfst… – Sätze formuliert, die mich manches Mal auch umgehauen haben. Beim Sammeln und Aufschreiben habe ich auch schon mal weinen müssen, denn dabei hat etwas in mir los gelassen. Ganz so als hätte mir das konkrete Formulieren erst klar gemacht, wie wenig ich mir bisher wirklich selbst gegönnt habe.

Das waren zum Beispiel Sätze wie:

  • Du darfst nach der Arbeit zuerst noch einen Kaffee trinken gehen und eine Zeitschrift lesen, bevor Du nach Hause gehst.
  • Du darfst Dir Zeit für das nehmen, was Dir wichtig ist.
  • Du darfst am Wochenende 3 Stunden etwas für Dich tun.
  • Du darfst dem Mäusepapa alle drei Kinder auf einmal überlassen, ohne ihm vorher  Wickelzeug und Proviant einzupacken.
  • Du darfst freie Zeit mit (scheinbarem) Nichtstun verbringen.
  • Du darfst eine Verabredung treffen, auch wenn es schon die zweite in der Woche ist.
  • Du darfst besser für Dich selbst sorgen.
  • Du darfst die Wäsche zusammen mit Deinen Kindern erledigen.
  • Du darfst die Minimaus jeden Tag von der Oma abholen lassen.
  • Du darfst Du selbst sein.

Authentisch sein ist ein Teil der Lösung
Frei nach Jesper Juul könnte man also sagen, authentisch zu sein ist die Lösung. Oder jedenfalls ein Teil davon. Und damit sind wir wieder bei der Vereinbarkeit.  Vereinbarkeit von Beruf, Familie und mir selbst funktioniert trotz eines guten Zeitmanagements und idealen Arbeitsbedingungen eben nur, wenn ich dabei auch wirklich ICH bin, wenn ich die für mich wichtigen Dinge priorisiere und mich davon frei mache, jemand sein zu müssen, der ich nicht bin. Um zu wissen, wer ich bin, muss ich mich jedoch erst einmal besser kennenlernen. Und ich muss mir ganz klar auch die Erlaubnis geben, ICH zu sein.

Den Erlaubnismuskel trainieren
Allerdings ist das keine kurzfristige, schnelle Lösung. Das ist mir jetzt nach einem halben Jahr klar geworden. Ich stolpere noch oft über meine inneren Regeln und mir fällt es manchmal ganz schön schwer, mir meinen (freien) Raum zu nehmen. Es ist wie beim Lernen einer neuen Sportart oder einer neuen Sprache. Ich muss üben, üben, üben. Ich trainiere quasi meinen Erlaubnismuskel. Das geht nur langsam. Zunächst einmal musste ich herausfinden, was mich überhaupt ausgeglichen und zufrieden macht. Auch so eine Liste, die mit der Zeit entstanden ist. Inzwischen gönne ich mir kleine Verschiebungen in meinem Alltag. Mini-Anpassungen, die mich dem näher bringen, wie ich sein will. Wie sich mein Familienleben anfühlen soll. Ich bin die blaue Schildkröte, die ich schon in einem meiner Beiträge vom Jahresanfang erwähnte. Ich mag das Bild, denn wie eine Schildkröte taste ich mich Schritt für Schritt vorwärts:

Einatmen, ausatmen, keine To-do-Listen anlegen, auch nicht im Kopf. Auf der Bank sitzen, vom Balkon gucken, Kaffee trinken, nichts anderes dabei tun, nichts anderes dabei tun wollen. Nach der Arbeit eine halbe Stunde durch die Stadt bummeln; darauf vertrauen, dass sich die Oma eine Weile um alles kümmert; mich selbst genug finden; mir Zeit lassen; von der S-Bahn nach Hause einen kleinen Umweg gehen; ein Foto für Instagram schießen; einen Lieblingssong aussuchen; ein Konzert-Abo buchen; ein neues Kleid anprobieren; eine Reise planen; sehen, was da ist; dankbar sein für das, was da ist; ein Buch kaufen und noch eins und in beide vorher hineinlesen; am Wochenende alle Termine streichen; überhaupt viele Termine im Kalender streichen; nur noch einen einzigen, sehr kleinen Kalender haben.

Vereinbarkeit funktioniert nicht ohne sich selbst zu bleiben
Für viele ist diese Selbstfürsorge womöglich selbstverständlich. Ich lerne das gerade erst. Und das geht nicht so auf die Schnelle. Von dem schnell schnell will ich schließlich weg. Deshalb erinnere mich immer wieder daran: Ich bin eine Schildkröte! Ganz und gar in entspanntem Blau.

Aber es ist eine nachhaltige Veränderung. Ich behaupte sogar, der Weg zur Vereinbarkeit führt nicht daran vorbei, die eigenen inneren Regeln zu hinterfragen und neue für sich aufzustellen. Jedenfalls nicht für mich.

Diesen Prozess genieße ich jetzt und suche weiter nach guten Sätzen. Nach Sätzen, die es mir erlauben, mich um mich selbst zu kümmern und die mir klar machen, dass ich ICH sein darf.

Mein Lieblingsspruch ist für den Moment:

You can choose, what you do; you can´t choose what you like to do.

 [Gretchen Rubin].

 

Wie sehen Deine inneren Regeln aus und welche Erlaubnissätze brauchst Du, um Dich gut um Dich selbst zu kümmern?

 

Coach, Beraterin, Mutter, Frau: Stephanie Hamann im Gespräch

Wenn ich eine Verschnaufpause brauche, dann bringt der Mäusepapa auch mal alle drei Mäuse alleine ins Bett. Wann es mal wieder soweit ist, kann der Mäusepapa inzwischen schon aus meinem Gesicht ablesen. Nachmittags holt meine Mama den Mäuserich und die Minimaus gerne aus der KiTa ab und liefert sie nach einem Abstecher zum Spielplatz wohlbehalten direkt zu uns nach Hause. Die Maus schafft den Heimweg aus der Schule schon allein. Das alles bringt mir eine halbe Stunde mehr für mein Lieblingsbuch und einen Kaffee in der Sonne auf dem Balkon. Alleine. Yeah…
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Die beste Mama, die ich sein kann

Das Thema Vollzeitmutter/Teilzeitmutter kursiert gerade wieder auf den Familienblogs. Auch ich habe schon sooooooo viele Gedanken dazu gehabt (und in meinem Blog darüber geschrieben, immer mal wieder). Der Mäusepapa hat nur einen Bruchteil solcher Gedanken. Seine Rolle als Vater ist ihm irgendwie klar. Jedenfalls klarer als mir das Muttersein. Na gut, ich bin immerhin seit 9 Jahren Mutter. Das müsste im Grunde ausreichen, um sich ein Bild davon zu machen. Von mir als Mutter. Tatsächlich war es genügend Zeit, um einige Entwicklungssprünge durch zu machen. Damit meine ich meine eigenen. Von OMG, ich gehöre zu meinen Kindern nach Hause! bis hin zu Ich halte das nicht aus, ich will arbeiten! ist schon alles dabei gewesen. Denn mit einem habe ich nicht gerechnet als ich Mutter wurde. Das mich das so überwältigt und gleichzeitig verunsichert.
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April 2017 (und was ihn winterlich gemacht hat)

Was wir gemacht haben:
Viel zu viel. Finde ich. Kranksein, Müdesein. Immer noch. Ich versuche langsam zu sein. Das fällt mir auch gar nicht schwer, denn ich bin gerade langsam. Mein Energiehaushalt lässt nicht viel zu. Ich lebe im Schildkrötentempo. Das ist Mist, aber gleichzeitig auch eine gute Zeit. Irgendwie. Weil ich darüber nachdenken kann/muss, wie ich unseren Alltag ändern will, was mich fremd bestimmt, was mich Kraft kostet und wie ich mich selbst besser umsorgen kann. Das hat also alles auch etwas mit Vereinbarkeit und mit Happiness zu tun. Vielleicht mache ich daraus jetzt meine Blue-Turtle-Challenge. „April 2017 (und was ihn winterlich gemacht hat)“ weiterlesen

Vereinbarkeit ist mehr als Teilzeit und KiTa-Platz

Laura von heuteistmusik.de ruft zur Blogparade mit dem Thema Vereinbarkeit auf. Und weil Vereinbarkeit im Hinblick auf meinen Beruf und drei Kinder natürlich auch bei mir ein großes Thema ist, schreibe ich heute mal darüber. Allerdings, und das muss ich schon einmal vorweg nehmen, habe ich gerade einen sehr lädierten Blick darauf.

Wo soll ich anfangen?

Mein Arbeitgeber ist einer von den Arbeitgebern, bei denen Familienfreundlichkeit nicht nur ins Personalportal geschrieben sondern tatsächlich gelebt wird. Deshalb habe ich schon viele Arbeitszeitmodelle ausprobiert: Ich habe mit einem Kind 50%, 75% und Vollzeit gearbeitet. Ich habe mit zwei Kindern 89% und Vollzeit gearbeitet, ich habe auch mal eine 4-Tage-Woche gehabt und ab dem dritten Kind meine 37 Stunden-Woche mit einem Homeoffice-Tag kombiniert. Immer unterbrochen von jeweils einem Jahr Elternzeit und mit der Garantie auf meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Was soll ich sagen? Das ist der öffentliche Dienst! In den bin ich nach der Geburt des ersten Kindes durch einige glückliche Zufälle hinein geraten. Meine Vereinbarkeitsgeschichte ist also keineswegs eine Geschichte mit familienunfreundlichen Arbeitgebern oder fragwürdigen beruflichen Versprechungen.

Aber – und irgendetwas ist ja immer – meine Vereinbarkeitsgeschichte ist ein Märchen über gesellschaftliche und persönliche Erwartungen an mich als Mutter.

Für mich ist es im Moment die größte Herausforderung zu erkennen, welche Mama ich sein will und sein kann. Ich suche immer noch meinen Weg zwischen Vollblutmüttern, Müttern mit einem maximal 20 Wochenstunden-Job, freiberuflich arbeitenden Müttern und Müttern, die eine Karriere im klassischen Sinne meistern. Ich bin nichts von alledem. Ich liege irgendwo dazwischen. Ich bin die Mama, die eher zufällig als geplant im öffentlichen Dienst arbeitet; die nebenberuflich zwar promoviert aber keine leitende Position angestrebt hat; die Zeit mit ihren Kindern verbringen will, aber das bitte nicht den ganzen Tag oder jedenfalls mit ausreichend Pausen; die sich hin und wieder noch selbst spüren muss; die zwar an eine gleichberechtigte Aufgabenteilung mit dem Ehemann glaubt, aber sich trotzdem für alles verantwortlich fühlt; die ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn sie eine Stunde länger arbeitet oder gar einfach mal nach dem Bürotag spazieren geht, anstatt die Mäuse so schnell wie möglich aus der Kita abzuholen; die weiß, welche Termine die Kinder haben; die aber auch daran verzweifelt, wie wenig eigene Zeit bleibt. Ich könnte ewig so weiter schreiben.

Der schlimmste Satz, den man mir einmal gesagt hat war.: „Wozu habe ich Kinder, wenn ich sie gleich wieder abgebe.“ Der zweitschlimmste Satz war: „Unser Alltag ist ihre Kindheit“. Solche Phrasen setzen mich unter Druck. Im Grunde sind sie nutzlos und sagen gar nichts darüber aus, wie ich unser Familienleben gestalten und unseren Alltag austarieren kann, damit es uns allen gut geht. Trotzdem lassen sie mich nicht kalt.

Oh ja, auch für mich war es überraschend, dass ich erst jetzt nach 9 Jahren Muttersein dahinter komme, dass ich mich, meinen Beruf und meine Familie im Alltag nur vereinbaren kann, wenn ich den Einfluss von gesellschaftlichen Prägungen, unbewussten Glaubenssätzen, vorurteilsbehafteten Floskeln wie „So ist das eben als Mutter, das hast Du Dir so ausgesucht.“ und dem allgemeinen Tenor, dass Mütter gerne auf alles mögliche verzichten, hinter mir lasse. Und das ich genau das nicht tue.

Kurz gesagt: Meine Vereinbarkeit ist ein Gefühl.

Und dieses Gefühl hängt ganz eng am „psychologischen Betriebssystem“ (wie es so schön im Dossier der neuen Brigitte heißt, Nr. 10/2017) und das wiederum hängt ganz nah an den Geschlechterrollen, die wir tagtäglich -ja, immer noch – vermittelt bekommen. Und in dem Punkt befinden wir uns derzeit ganz klar in einem eher konservativen Aufwind. Das erlebe ich in meinem persönlichen Umfeld und das sagt auch die Wissenschaft (vgl. Report der Hans Böckler Stiftung). Willkommen zurück in den 50ern.

Dabei fing das mit dem Muttersein ganz vielversprechend an. Meine eigene Mutter war immerhin in Vollzeit berufstätig. Das klingt jedoch moderner als es war. Das damit verbundene Zähne zusammenbeißen und durchhalten ist nämlich auch nicht gerade erstrebenswert. Deshalb kann ich mich nicht so ganz davor verschließen, dass meine Vereinbarkeitsbemühungen letztlich in meinem unmittelbaren Umfeld enden, und zwar mit all den Anforderungen, die nicht zu meiner Berufstätigkeit passen und die mich mit drei Kindern stark ins Häusliche verschieben. Und weil ich weder das eine noch das andere bin (keine Mutter, die zu Hause sein will und keine Mutter, die ihren Beruf in den Mittelpunkt stellt), muss ich einen Weg irgendwo dazwischen finden.

Und den gibt es gerade nicht für mich: Ich kann nicht reduziert arbeiten, ohne als Teilzeit-Mama – wenn auch wohlwollend-  stigmatisiert zu sein; ich kann nicht die Kinderbetreuung zu meinem Lebensinhalt machen, ohne im Alter verarmt zu sein; ich kann nicht in Vollzeit arbeiten, ohne meine Kinder zu vermissen oder meine Kraft zu verlieren; ich kann nur schwer ignorieren, dass das Muttersein immer noch als die natürlichste meiner Aufgaben angesehen wird. Und als sei das nicht genug, ist da natürlich mein dauerhaft schlechtes Gewissen – irgendwie allem gegenüber, was ich nicht schaffe-  und die Tatsache, dass ich im Moment ratlos bin. Letztlich bin ich auch nur ein Mensch mit einem 24 – Stunden-Tag und einem begrenzten Energiehaushalt.

Und dem Mäusepapa geht es genauso. Wir sind zusammen müde. Und obwohl das  mit dem Kinderhaben ein verdammt schönes Abenteuer ist und ich natürlich einen Weg für mich finden werde, so hat sich doch eines inzwischen geändert: Wenn ich vor ein paar Jahren oder Monaten noch fröhlich, optimistisch daran geglaubt habe, dass Vereinbarkeit funktioniert, so bin ich genau jetzt in meiner persönlichen Vereinbarkeits-Sackgasse angekommen.

Teilzeitarbeit (egal ob vollzeitnah, ob 75 % oder „nur“ 50 %) , KiTa-Betreuung, Schulhort und eine egalitäre Aufgabenteilung zu Hause helfen mir einfach nicht darüber hinweg, dass die Ansprüche an Eltern (und Kinder) gewachsen sind, dass ich persönlich etwas anderes von mir erwartet habe als eingetreten ist und dass die Ideologie in Deutschland Mütter ganz klar bei ihren Kindern sieht. Da passt was nicht zusammen und ich kann das Puzzle gerade nicht legen. Vielleicht ist es auch eine Mom-Life-Crisis, wie es Nina alias Frau Mutter in ihrem Blog so treffend benennt. Nur leider führt mich meine Krise nicht dahin zu sagen, so ist es eben, ich gehöre jetzt zu denen, die sich über kindgerechte Kochrezepte und Sonderangebote in Drogerien austauschen. Das tue ich nämlich immer noch nicht. Aber ich habe mich weiter entwickelt, da hat Frau Mutter schon recht.

Trotzdem, der Alltag mit meinen Kindern lebt sich eben nur im Konkreten. Und konkret sieht es so aus, dass morgens nicht alles glatt läuft; dass mich der Alltag müde macht; dass in meinem Umfeld die meisten Mütter weniger als 30 Wochenstunden arbeiten; dass ich wegen meines Berufs nicht genauso viel an den schulischen Aktivitäten der Kinder teilhabe wie andere Mütter; dass ich nach der Arbeit keine Kraft mehr finde, um mich in alles einzubringen, was mir wichtig ist; dass es mir etwas ausmacht, im Büro als Teilzeit-Mutter zu gelten, obwohl ich immerhin 37 Wochenstunden arbeite; dass mir klar vor Augen steht, wie wenig Zeit ich für das finde, was mir auch noch wichtig ist und dass mir ab und zu jemand antwortet: „Das hast Du Dir doch so ausgesucht.“, sobald ich konstruktive Lösungswege aus dem Dilemma diskutieren will. Nein, das habe ich mir nicht ausgesucht. Wie auch? Ich hatte ja keine Ahnung, wie es als Mama so sein würde. Ich sehe das nicht so, dass ich Mutter geworden bin, um alles andere hinten an zu stellen. Ich möchte weiterhin Geld verdienen, unabhängig sein, mich um mich selbst kümmern dürfen und Hilfe dabei bekommen.

Aber klar, ich bin das Risiko eingegangen, nicht von Vornherein zu wissen, wie ich Kinder haben kann und mich gleichzeitig dabei gut fühle. Und nun habe ich den Salat. Die Realität drückt mir von allen Seiten Soße in die frischen Blätter und alles weicht auf.

Ich bin gerade furchtbar negativ, ich weiß.

Was ändern?

Ich suche meinen Weg. Ich bin an einem Punkt, an dem ich ganz alleine weiter gehen muss. Jedenfalls gefühlt. Ich nenne das meine Blue-Turtle-Challenge.

sea life. Watercolor sea turtle isolated on white background

Ich mag das Meer, ich mag Blau, ich mag Schildkröten (die hatte ich hier und hier ja auch schon mal am Wickel) und ich mag es, wenn die Dinge einen Namen bekommen, an dem ich mich festhalten kann. Blue Turtle heißt für mich, ich möchte langsamer durch mein Leben gehen. Ich möchte wieder mehr sehen und schrittweise herausfinden, was mir gut tut und wie ich meine Vereinbarkeitsgeschichte fortschreiben kann. Ich will vor allem, dass sich alles mit mehr Leichtigkeit füllt. Der Weg dahin wird nur in kleinen Schritten gangbar sein. Deshalb die Schildkröte….Ich gebe gerne Bescheid, sobald ich irgendwo angekommen bin.

Und gebt ihr mir Bescheid, wie ihr alles unter einen Hut bekommt?